Archiv

Ordoliberalismus global

Was ist globaler Ordoliberalismus? Der Begriff globaler Ordoliberalismus ist meine Erfindung und wendet die Ideen von Walter Eucken auf der globalen Ebene an. Ich bin Uwe Hermanns, unabhängiger Politikwissenschaftler, und vertrete hier meine Meinung. Global Ordoliberalism ist eine Webseite, die analysiert, welche Konzepte im Bereich Wirtschaft funktionierten. Diese Seite wird online aufgebaut und immer wieder neu ergänzt.

Walter Euckens einzigartiger Beitrag zu den Wirtschaftswissenschaften war die Entwicklung eines kohärenten Rahmen für die Wirtschaft und ihrer dynamischen internen Zusammenhänge, wobei er gleichzeitig versucht hat eine Idee der Ordnung und moralischer Werte in diesem System zu platzieren. Für ihn war es selbstverständlich Demokratie und soziale Werte zu verteidigen und er erklärt, warum Märkte hinsichtlich beider Aspekte wichtig sind. Mehr dazu auf Seite Walter Eucken.

Ich schlage eine dynamische und globale Variante ordoliberaler Wirtschaftstheorie vor, die, inspiriert von Walter Eucken und anderen Autoren, auf bestimmte Faktoren begrenzt ist, um die internationalen wirtschaftlichen Dynamiken der Globalisierung besser zu verstehen. Zu diesen Faktoren gehört u.a. die freie Diffusion von Wissen, Risiken, die Rolle des Staates in der Sozial-, Industrie- und Wettbewerbspolitik. Dynamische Erklärungsansätze sind nicht neu, mein Beitrag ist daraus ein neues Paket zu schnüren, das auf der ordoliberalen Tradition und auf aktuellen Forschungen beruht.

Mein Dank richtet sich insbesondere an Sanjaya Lall, der die technologische Fähigkeiten von Unternehmen in das Zentrum seiner empirischen wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen rückte (der Begriff Anpassungsfähigkeit entspricht dem Konzept der technologischen Fähigkeiten) und an das Frühwerk von Ha Joon Chang ‘The Political Economy of Industrial Policy (1984), der die Idee hatte, dass eine Wirtschaftsordnung Risiken reduzieren kann, ohne sie abzuschaffen. Richard Nelsons und Sidney G. Winters beschreiben in ihrem Buch ‘Evolutionary Theory of Economic Change’ (1982) dynamische Veränderungen innerhalb von Industriestrukturen, wobei Strukturen aus anpassungsfähigen Firmen eine Zeitlang stabil bleiben und wenn es freie Diffusion von Wissen gibt, eine längere Zeit. Im Bereich Entwicklungsökonomie sind die vielen empirischen Untersuchungen von Bela Balassa, Hollis B. Chenery und, aktuell, Dani Rodriks Analysen sehr relevant, während die Beiträge der Neoklassiker Jagdish Bhagwati und Anne O. Krueger immer eine Inspiration sind. Ebenso werden Erkenntnisse der Industrieökonomie und der Theorie der Wettbewerbspolitik einbezogen, hier werden herausgehoben genannt Frederic M. Scherer, Herbert Hovenkamp und Doris Hildebrand.

Die hier verwendete dynamisch-ordoliberale Theorie geht grundlegend davon aus, dass erfolgreiche Unternehmen anpassungsfähig sind. Anpassungsfähigkeit ist eine Qualität, die Unternehmen einerseits durch die vorliegenden Kostenstrukturen und ihre eigenen Aktivitäten, d.h. ihr marktbezogenes und organisatorisches Wissen, ihre Experten und Facharbeiter und ihre Kapitalausstattung haben, andererseits haben die westlichen Staaten, im Einklang mit dynamisch ordoliberalen Vorstellungen, in den letzten fünfzig Jahren durch ihre besondere Ausgestaltung der rechtlichen und sonstigen Rahmenbedingungen für die Wirtschaftstätigkeit ermöglicht, dass, trotz Wettbewerb, mehr Firmen Anpassungsfähigkeit aufwiesen, als dies unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre. Mehr dazu auf Seite Dynamik.

Für die Diskussion in England und Amerika stellt der Begriff Ordoliberalismus die größte Hürde dar, weil sich dieser Begriff auf Englisch seltsam anhört. In Deutschland ist der Begriff dagegen geläufig, wenngleich bestimmte Denker unterschiedliche ordoliberale Schulen vertreten. Weniger bekannt ist auch in Deutschland, dass Walter Eucken stark von amerikanischen Ideen beeinflusst wurde, darunter solche von Franklin D. Roosevelt. Mehr dazu auf den Seiten Walter Eucken und Franklin D. Roosevelt.

Aus meiner Sicht wird die sehr offene Diskussion, die derzeit die Wirtschaftswissenschaft prägt, nicht mehr zurückzudrehen sein. Um den Herausforderungen des 21 Jhd. gerecht zu werden, braucht man eine Wirtschaftstheorie, die (wieder) Werte enthält. Genauso wichtig ist, dass es eine realistische, empirisch-informierte und mit dem gesunden Menschenverstand überstimmende Art und Weise geben muss, mit der jeder über Wirtschaft sprechen kann.

Paul A. Samuelsons löste mit seinem berühmten grundlegenden Buch ‘Ökonomie, Eine analytische Einführung’, Erste Ausgabe, 1948, alle diese Anforderungen ein. Eines der wichtigsten Ziele wirtschaftswissenschaftlicher Analyse sei die “Hilfe bei der Kontrolle und Verbesserung” der Wirtschaft. Er beschreibt Amerikas Erfahrung mit der Wirtschaftskrise als Hunger inmitten des Überflusses und eines Krieges, der den Lebensstandard verbessert hat und fragt sodann: “Wie können die konjunkturellen Schwankungen vermindert werden? Wie kann der wirtschaftliche Fortschritt erhöht werden? Wie können Lebensstandard gerechter verteilt werden?” (Übers. d. Verfassers, S. 7).

Die Neoklassik hat einen solchen Ansatz nicht zu bieten. Es sind zwar interessante Diskussionen auf hohem Abstraktionsniveau möglich und es gibt eine Vielzahl von Abweichungen von den eigenen grundlegenden Modellen. Immer wieder fällt man aber zurück in den Behauptung, dass nur ‘freie’ Märkte ohne staatliche Interventionen effizient seien. Diese Behauptungen sind aus mehreren Gründen falsch: Was wir mit Effizienz im common sense Sinn meinen ist eigentlich dynamische Effizienz, dies ist Wachstum über die Zeit, Kostenreduzierungen durch Innovationen und Massenproduktion, steigende Preise aber auch höhere Lebensstandards. Die Neoklassik nennt es bereits Nutzenmaximierung, wenn man gezwungen wird zwischen Brot und Wasser zu unterscheiden und sie ist scheinbar in der Lage effiziente Produktionsentscheidungen der Firmen konzipieren. Das letztere führte dazu, dass Personen, die sich mit Firmenstrategien beschäftigen, den Bereich Produktionsökonomie begründeten, der wieder dynamische Aspekte einbezieht. Die erstere Begriffsverwendung rechtfertigt die Existenz der Entwicklungsökonomie, um es kurz zu sagen.

Die Neoklassik hatte die historisch wichtige Aufgabe in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg Märkte zu verteidigen. Heute sind Märkte fest etabliert und jedwede Kritik, der verantwortlich denkt, lehnt den Sozialismus ab. Auch Walter Eucken hat den Sozialismus bekämpft, weil er weder Wohlstand schafft noch Werte respektiert.

Im Jahre 1900 hatte die Welt 1,5 Mrd. Einwohner, im Jahre 2050 werden es 9 Mrd. sein. Märkte verbreiten sich derzeit, sind Ausgangspunkt starker Veränderungen und das Geschehen wird von Tag zu Tag scheinbar intensiver. Die Neoklassik behält, vor diesem Hintergrund, ihre Empfehlungen an die Politiker bei. Selbst den bevölkerungsreichen Entwicklungsländern, die wirtschaftliche Entwicklung benötigen, um ihre Bevölkerung aus der Armut zu befreien, die aber gleichermaßen unter einer ungeschickten Liberalisierungspolitik stark leiden könnten, werden die gleichen Empfehlungen gegeben: Freie Märkte, freier Handel, Rechtsstaatlichkeit und nicht zu viele Interventionen der Regierung.

Wirtschaftswissenschaftler der neoklassischen Schule haben dies schon in der Vergangenheit gesagt und scheinen sogar die Zukunft vorhersehen zu können. Sie sind sich sicher, dass der Schritt zu freiem Handel auch in Zukunft die Wohlfahrt der Welt erhöht. Noch in einigen Jahrzehnten wird dies aus den Modellen der Mikroökonomie, aus Pareto’s Edgeworth-Box und, beispielsweise, aus der Theorie komparativer Vorteile von Ricardo, zu folgern sein. Dies ist schon insofern bemerkenswert und grenzt an Zauberei, weil, wenn sich viele Dinge ändern, der gesunde Menschenverstand plausiblerweise erwartet, dass irgendwann auch die Sichtweisen der Wirtschaftswissenschaftler, wenigstens zu einem gewissen Grad, ebenfalls ändern müssen.

Glücklicherweise wissen wir schon heute, dass die Neoklassik immer so argumentieren wird. Deshalb haben wir die Möglichkeit sie zu ignorieren und uns voll auf neue Daten, detaillierte Studien und Fallbeispiele zu konzentrieren, um dynamische Prozesse in der Wirtschaft besser zu verstehen:

- eine große Zahl aktueller Länderstudien über Liberalisierung mit neoklassisch konzipierten Gleichgewichtsmodellen zeigen – teils sehr merkliche – negative Effekte auf Teile der verarbeitenden Industrie oder die Landwirtschaft. Diese Studien beruhen, notwendigerweise, auf vielen Vorabannahmen. Sieht man genauer hin beruhen die positiven Effekte der Liberalisierung auf unrealistischen Annahmen beruhen, etwa einer vollständigen, weltweiten Liberalisierung des landwirtschaftlichen Sektors. Oder es werden komplexe zukünftige Szenarien vorweggenommen, wie ein Anstieg der Produktivität oder die Abwertung der Währung, die erzwungen wird, weil die Bevölkerung angeblich mehr Importe kaufen wird, wodurch sich langfristig wiederum ein Exportanreiz bilden mag

- viele Erfolgsgeschichten der Handelsliberalisierung sind durch eine progressive, schrittweise Liberalisierung gekennzeichnet und die Ländern waren auf die Liberalisierung gut vorbereitet, durch erfolgreiche arbeitsintensive Produktion, ein hohes allgemeines Investitionsniveau und durch eine bereits bestehende Schwerindustrie, kurz: Sie verfügten bereits über anpassungsfähige Firmen

- China befindet sich inmitten eines Prozesses eine gewisse Anzahl seiner Unternehmen im verarbeitenden Sektor zu bewahren und international wettbewerbsfähig zu machen

- andere Länder, Indien und Brasilien, benutzen noch Zollschutz, um ihre Industrie zu schützen, die teils nicht auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig ist, dies kann gerechtfertigt sein

- eine Anzahl schwächerer Länder haben Schwierigkeiten erfolgreiche Unternehmen aufzubauen, es sind zumindest nicht genug, um einen Wachstumsschub auszulösen und Importe nehmen zu

Die strittige Frage ist, welche Relevanz freier Handel und andere neoklassische Rezepte wirklich und wahrhaftig haben?

Zugestandenermaßen finden die Menschen klare Ziele attraktiv. Dies scheint einer der Gründe zu sein, warum es so schwer ist, sich von der Idee ‘freier’ Märkte oder des ‘freien’ Handels als Zielvorstellung zu befreien.

Andererseits könnte man durchaus fragen, ob es etwas gibt, das hinter der Idee ‘freier’ Märkte und ‘freiem’ Handel steht und letztlich viel tiefer wirksam ist? Mein Vorschlag (der ein ebenso klares und attraktives Ziel vorgibt) ist: Wettbewerb und funktionierende Märkte.

Wenn man sich für einen Moment vorstellt, dass sich freie Handel in der Geschichte der Menschheit niemals vollständig durchsetzen wird und es immer wieder mal Staaten gibt, die intervenieren und einzelne Unternehmen oder Sektoren stützen, die dem Fortschritt hinterherlaufen und die sogar selektiv Zölle erhöhen – bedeutet dies, dass die Wirtschaftswissenschaft ihre klaren Ziele und ihre Orientierung verloren hat?

Ich glaube nicht, denn selektive Interventionen stören nicht den Kern der Wohlfahrtserzeugung, nämlich Wettbewerb und funktionierende Märkte. Selektive Intervention sind zudem nicht dasselbe wie umfassender Protektionismus. Solange Märkte generell als offen anzusehen sind und solange Handel möglich ist, können selektive Industriepolitiken sogar Wettbewerb und Preisdisziplin erhöhen.

Deshalb kann ‘freier’ Handel eigentlich durch Wettbewerb und funktionierende Märkte ersetzt werden und sehr viel verändert sich dadurch nicht. Eine Sache hat sich ganz bestimmt nicht geändert, denn ein breit angelegter Protektionismus wird auch hier eindeutig abgelehnt. Was sich geändert hat ist aber, dass es beispielsweise nicht mehr akzeptabel wäre, wenn drei Länder gegenüber allen anderen Ländern der Welt den Wettbewerb vollständig dominieren würden. Ein funktionierender Weltmarkt hat die Aufgabe Wettbewerb zu erhalten, um einen gewissen Wohlstand allen Ländern zu ermöglichen. Diese bedeutet, dass die Länder zumindest über eine bestimmte Anzahl anpassungsfähiger Unternehmen verfügen müssen, die im Wettbewerb bestehen können.

Den Wettbewerb zu etablieren und funktionierende Märkte zu erhalten, sowohl auf dem Weltmarkt als auch den nationalen Märkten ist der zentrale Kern Wohlfahrtsmotor des Kapitalismus. Auf den nationalen Märkten überleben nur anpassungsfähige und produktive Unternehmen, und dies erhöht den Output. In sehr ähnlicher Weise überleben im internationalen Handel nur die produktivsten Firmen eines Landes und es ist, dies beschreibt Ricardo, für die beiden Gesellschaften, die sich entschließen, Handel aufzunehmen und den Zustand der Autarkie zu verlassen, outputsteigernd, wenn alle Ressourcen auf das relativ gesehen, produktivste Unternehmen konzentriert werden. Beide Vorstellungen konvergieren darin, dass es darum geht, dass anpassungsfähige und produktive Firmen überleben, und andere Bankrott gehen. Dieser statische Übergang führt zur Outputsteigerung. Mehr dazu auf Seite Globalisierung.

Ein breit angelegter Protektionismus wäre keine gute Idee, denn dadurch würden Outputsteigerungen zurückgehen. Die Kosten von Protektionismus werden in einem dynamischen Szenario noch sichtbarer als in der Neoklassik. Ein Zurückdrehen von Globalisierung hin zu einer binnenorientierten Entwicklung würde nicht nur den Output verringern, sondern die Firmen auch zwingen auf Vorteile der Massenfertigung zu verzichten, wodurch große Rückgänge an Profit, Belohnung für Innovationen und umverteilbarem Einkommen zu beklagen wären. Das Gegenteil was aus dynamischer Sicht von Firmen erwartet wird, würde eintreten. Firmen könne nicht mehr über lange Zeit wachsen und auch ihre Preise moderat erhöhen, um ihre Anpassungsfähigkeit zu verbessern. Heutzutage kann dieser Prozess bei den vorliegenden Firmengrößen nicht mehr ohne Weltmärkte funktionieren, die immer wieder strukturelle Veränderungen und Chancen zur Expansion eröffnen. Es ist aber ebenso richtig, dass es die heutigen Wohlstandniveaus zulassen, dass mehrere anpassungsfähige, produktive Unternehmen überleben und dass es keine Katastrophe ist, wenn in einem weitern oder engen Oligopol (dies sind 12-3 Firmen) ein neuer Herausforderer in den Markt eintritt, auch wenn dies durch Industriepolitik erleichtert wurde.

Industrieländern mit ihren sehr anpassungsfähigen Unternehmen müssen mindestens zu 80 % offen sein (d.h. 80 % Wirtschaft der Wertschöpfung bzw. der Sektoren der Wirtschaft, nicht-handelbare Dienstleistungen und Dienstleitungen der Daseinsfürsorge ausgeschlossen), dies gilt umso mehr in eine Welt in der Lohnkosten letztlich nicht ausschlaggebend für Vorteile sind, weil Arbeit durch Technik ersetzt werden kann und Löhne (und Steuern) auch in Industrieländern, siehe die USA und Deutschland, verringert – und mit sehr produktiven Arbeitsplätzen – kombiniert werden können. Hier wären empirische Studien interessant, die das Gegenteil zeigen, dass Entwicklungsländer mit ihren Lohnkosten auch in kapitalintensiven Sektoren Vorteile haben. Mehr dazu auf Seite Globalisierung Debatte.

Kleine und schwache Entwicklungsländern müssen mindestens zu 60 % offen sein, weil die kleinen Märkte kaum Wachstumschancen für geschützte Unternehmen bieten und Unternehmen, die für den internationalen Markt produzieren, nicht gehemmt werden dürfen günstige Inputgüter für Ihre Produktion vom Weltmarkt zu kaufen (überall in der Welt benötigen Firmen ungefähr 1/3 bis 1/2 Anteil an ihrem Umsatze Inputgüter von anderen Firmen). Exportorientierung, d.h. auch ein Exporte fördernder, niedriger Wechselkurs ist selbstverständlich, um anpassungsfähige Unternehmen aufbauen zu können. Dennoch kann es sinnvoll sein, einen bestimmten Teil der Wertschöpfung zu schützen, selbst wenn dieser nicht sonderlich produktiv ist, um Arbeitsplätze zu erhalten.

Große Entwicklungsländer mit einer großen Bevölkerungszahl haben eindeutig mehr Möglichkeiten, ihren Markt für heimische Firmen zu reservieren, um Wachstum auszulösen. Die Firmen, die es schaffen, diesen Markt zu beliefern, müssen sich zumindest einen moderaten Grad an Anpassungsfähigkeit erarbeiten und sind vielleicht später zu Exporten in der Lage. Länder wie Indien haben in ihrem Haushalt hohe Sozialleistungen zu tragen, daneben gibt es viele öffentliche Unternehmen, die nur mit hohen Subventionen zu modernisieren und zu restrukturieren wären. Eine moderne Kapitalgüterindustrie befindet sich im Aufbau und ist partiell modernisiert worden. Dieses Land sollte versuchen Handelsliberalisierung nur schrittweise i.S. von ‘trail and error’ erfolgen lassen, weil sonst zu viele öffentliche und private Unternehmen zusammenbrechen würden und – selbst bei einer Öffnung für Direktinvestitionen – die Beschäftigten nicht in den neuen, sehr effizienten Produktionsstätten westlicher Firmen unterkommen würden. Ausländische Investitionen müssen somit ebenso erst partiell in das Land geholt werden, dies hat den Nachteil, dass es nicht zu einem solchen Boom kommt, wie in China (und es auch nicht möglich ist, so stark auf Joint Ventures und Technologietransfer zu bestehen). Hier wird die Sicht vertreten, dass solche Länder massiv Hilfe von außen erhalten sollten, weil ein Fall von Marktversagen vorliegt, wenn ein bevölkerungsreiches Land mit einem potentiell großen Markt nicht wächst. Man sollte nicht vergessen, dass Indien im Jahr 2000 einmal so groß wie Nordrhein-Westfalen war und heute immer noch nicht mehr Bruttosozialprodukt als Nordrhein-Westfalen mal 3,2 aufweist: Nordrhein-Westfalen 568 Mrd. (Bevölkerung: 17,8 Mill.), Indien 1848 Mrd. (Bevölkerung: 1,2 Mrd.) (2011). Bevölkerungsreiche Länder in Afrika benötigen erst einmal Investitionen, darunter auch solche im verarbeitenden Sektor, um erst einmal mehr Exporte generieren zu können und um dadurch unproblematischer ausländische Währung erhalten zu können, damit überhaupt heimische Unternehmer frei arbeiten können. Dann können in mehreren Bereichen, etwa in der Lebensmittelverarbeitung, staatlich gestützte private Unternehmen gegründet werden, die moderne Techniken einsetzen. Hier wird auf eine fluktuierende Offenheit von 40 bis 60 % für diese bevölkerungsreichen Länder vorgeschlagen. Mehr zu Afrika auf Seite Afrika mehr zu Indien auf Seite Indien.

Die Übergangsprozesse zeigen weiterhin, dass auf unkonventionelle Institutionen und kreative Ideen gesetzt werden kann, auch solche, die nicht standardisierten westlichen Vorstellungen entsprechen. Das Beispiel China zeigt, dass in einer Gesellschaft, die nicht über Eigentumsrechte nach westlichen Vorbild verfügt, bestimmte Institutionen, wie die Township and Village Enterprises geschaffen werden können, um eine lokale, kommunale Investitionsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, die von den lokalen Parteibüros geschützt werden. Dies konnte in der unsicheren Zeit des Übergangs private Investitionen fördern und eine gewisse Rechtssicherheit garantieren und hat vor Vorgängen wie in der Sowjetunion geschützt, die plötzlich freies Eigentum eingeführt hat, woraufhin einzelne Individuen begannen das ganze Land aufzukaufen. Mehr zu dieser Deutung Dani Rodriks der Township and Village Enterprises auf Seite Dani Rodrik, mehr zu China auf Seite China.

Insgesamt gesehen enthält die dynamische Theorie sogar mehr Gründe sich für relativ offene Märkte einzusetzen, wobei das ultimative Ziel Wettbewerb zwischen anpassungsfähigen Unternehmen und funktionierende Märkte ist. Die globale ordoliberale Theorie klebt nicht an der fixen Idee freier Märkte und freiem Handel. Sie setzt sich dennoch ebenso entschlossen wie die Neoklassik für weitgehend freien Handel ein, mindestens auf einer Ebene, wie sie derzeit erreicht ist und sie stellt sich gegen einen breit angelegten Protektionismus und ist für eine internationale Wirtschaftsordnung wie die der WTO.

Sehen wir uns für einen Moment noch die ‘freien’ afrikanischen Agrarmärkte an (die in den neunziger Jahren von IWF/Weltbank liberalisiert worden sind), die aus Sicht der Neoklassik erstbeste Effizienz erwarten lassen, wobei sie sogar mit der Bedingung übereinstimmen, dass viele Marktteilnehmer im Wettbewerb zueinander stehen. Sie funktionieren aber nicht aus einer dynamischen Sicht, weil die Preise niedrig sind und fluktuieren, die Felder klein sind, Kreditmärkte fehlerhaft sind, weil Land vielfach auf Dorfebene verwaltet wird. Dazu kommt eine unzureichende Versorgung mit Düngemitteln oder Pflanzennährstoffen, wodurch niedrige Outputniveaus vorliegen. Welche Optionen hat man? Der Neoklassiker kann das Pareto-Modell auf die erste Seite des Buches drucken lassen und behaupten, dass hier dennoch auf erstbeste Weise Wohlfahrt erzeugt wird (und sogar auf minimaler Ebene Fairness erreicht wird). Jemand der realistisch und dynamisch über Wohlfahrtssteigerung denkt, würde darüber nachdenken, wie die Funktionsweise der Märkte verbessert werden kann, um wenigstens eine gewisse Steigerung an Wohlfahrt zu erreichen (wobei Agrarmärkte ein Spezialfall sind, weil sie durch staatliche Interventionen relativ leicht verbessert werden können). Das hat, nach langem Zögern, auch die Weltbank in ihrem Bereich über die Landwirtschaft 2008 anerkennt. Mehr dazu auf Seite Afrika Landwirtschaft.

Die afrikanischen Landwirtschaft lenkt den Augenmerk darauf, dass nicht einmal Märkte immer effizient sind. Dies ist für Bewohner der Industrieländer schwer zu verstehen, denn hier sind die Märkte dynamisch sehr effizient. Dahinter stehen aber bestimmte Gründe und bestimmte politische und regelbezogene Rahmenbedingungen. Dazu kommt, dass dies nachdenklich macht und Grund ist für mehr Forschung über globale Gemeingüter, Armut und innovative Ideen zur Armutsbekämpfung.

Zusammenfassend: Es sind nicht unbedingt ‘freie’ Märkte oder ‘freier’ Handel, sondern Wettbewerb und funktionierende Märkte, die auf weltweiter Ebene erhalten werden müssen, wobei akzeptiert werden muss, dass der Staat in manchen Fällen die Funktion der Märkte verbessern kann, indem er allgemeine regulatorische Rahmenbedingungen etabliert oder auch indem er durch – wirtschaftswissenschaftlich begründete – direktere Interventionen die Anpassungsfähigkeit von Firmen stützt.

Der globale Ordoliberalismus unterstreicht weiterhin die Frage nach einer Ordnung und nach der Integration von Werten in die Wirtschaft. Walter Eucken argumentiert diesbezüglich, dass Märkte durch soziale Werte gerechtfertigt sind. Nur wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllen, sei Sozialpolitik gerechtfertigt. Weiterhin muss die Trennung zwischen Märkten und Politik verteidigt werden, damit die Politik nicht die Märkte übernimmt, wodurch Sozialismus entsteht, andersherum dürfen private Akteure nicht die Politik übernehmen, weil sie dann Kartelle und monopolartige Strukturen aufbauen dürften, in denen über Preise, Mengen, Gebiete, F&E etc. in geheimen Verhandlungen entschieden wird.

Was passiert, wenn der Markt nicht mehr seine Aufgabe erfüllt und nicht genug Wohlfahrt bereitstellt oder nicht breit genug Wohlfahrt, um soziale Werte in der Gesellschaft zu erhalten?

Dann ist Sozialpolitik gerechtfertigt. Eine für die Zukunft relevante Debatte ist, wie diese Sozialpolitik ausgestaltet werden soll, wenn immer weniger Menschen Zugang zu Vollzeitarbeitsplätzen haben und wie eine globale Sozialpolitik (und Umwelt- und Gesundheitspolitik) ausgestaltet werden kann. Mehr dazu auf der Seite globaler Sozialschutz. Ebenfalls hat sich schon Walter Eucken für Umweltpolitik eingesetzt. Eine für die Zukunft relevante Debatte ist, wie eine dynamische Wirtschaft auf die Situation des Klimawandels umgestellt werden kann. Mehr dazu auf der Seite Klimawandel. Eine weitere, für die Zukunft relevante Debatte ist, wie die Patent- und Wettbewerbspolitik ausgestaltet werden kann, um Innovationsanreize zu bewahren, aber weiter Wissensdiffusion zuzulassen, um Industriestrukturen stabiler zu halten und übermäßige Konzentrationsdynamiken zu begrenzen. Mehr dazu auf der Seite Wettbewerbspolitik.

Die internationale Wirtschaftsordnung der WTO würde in einer Welt ohne gänzlich freien Handel, mit selektiv höheren Zöllen noch wichtiger werden, weil hier immer wieder eine neue Aushandlung nötig ist, bei der sich wieder neu über den wettbewerblichen Zustand der Märkte verständigt wird und sich über neue Bargains geeinigt wird. Dabei kann es gemäß der Subventionsregeln der WTO durchaus so sein, dass ein Staat auch einmal für Industriepolitik, die andere Unternehmen stark geschädigt hat, mit Marktzugangsverschlechterungen oder einer anderen Form der Kompensationen bezahlen muss. Wenn eine Industriepolitik allerdings zu einer insgesamten Expansion der Märkte geführt hat, Marktzugang weiter eröffnet wird und ggf. durch die Industriepolitik sogar auf weltweiter Ebene eine begrüßenswerte Zunahme des Wettbewerbs erfolgt ist, dann könnten Industriepolitik auch akzeptiert oder sogar begrüßt werden. In einer globalen Weltwirtschaft mit großen internationalen Firmen und eine bestimmten Anzahl von engen Oligopolen ist die WTO unvermeidlich der Ort, an dem Regierungsvertreter sich daran gewöhnen sollten nicht nur im nationalen Interesse, sondern auch im Sinne des Weltgemeinwohls zu entscheiden.

Aus einer globalen dynamisch-ordoliberalen Sicht, sollte die WTO weiterhin der Ort sein, der freie Wissensdiffusion erlaubt und nicht weiter beschränkt (limitierte Patentlaufzeiten, die derzeit sachlich gesehen auf 15 Jahre begrenzt werden könnten, weil dies ausreichend ist, um F&E-Kosten wieder hereinzuholen). Dazu kommt, dass unterschiedlich hohe Zollniveaus und Schutz für sehr schwache Länder sowie eben Spielräume für Industriepolitik und Zeit für Anpassung weiter möglich sein müssen, auch noch in 50 Jahren. Zum Thema handelspolitischer Schutzmaßnahmen, wie Antidumping und Schutzklausel, mehr auf Seite Welthandelsorganisation.

Schließlich glaube ich, dass eine globale dynamische ordoliberale Theorie das Instrument für die Politikwissenschaft ist, weil sie Antworten verfügbar hat für zwei sehr wichtige Fragekomplexe:

- Fairnesss in internationalen Verhandlungen. Die neoklassische Ökonomie wird beispielsweise China ‘unfair’ nennen, solange auch nur ein Preis durch einen Zoll oder durch staatliche Intervention verändert wird. Ein dynamischer Ansatz ist in der Lage die Situation objektiver zu sehen, er kann die Geschichte beachten, Interventionen aufgrund von Marktfehlern von Interventionen unterscheiden von solchen, die zum Globalisierung-Bargain gehören, den die Industrieländer mit China ausgehandelt haben. Die Frage ist nicht, ob China ‘unfair’ ist, sondern welche Politiken unfair genannt werden können und welches Ausmaß dies annimmt und ob dies wirklich Grund für internationale Spannungen sein kann.

- Die Theorie internationaler Beziehungen benötigt eine dynamische Wirtschaftstheorie, um zu verstehen, wie wichtig internationale Institutionen wie die der WTO sind. Die Theorie internationaler Beziehungen muss lernen, dass Fragen der internationalen Wirtschaftsordnung und Sicherheitsfrage eng zusammenhängen. Nicht vielen Vertretern der Theorie internationaler Beziehungen ist bekannt, dass die derzeitige internationale Wirtschaftsordnung von Franklin D. Roosevelt und seinem Team bewusst so gebaut worden ist, um Spannungen zwischen Staaten zu reduzieren, weil alle Staaten ihre lebenswichtigen Güter auf den Weltmärkten kaufen können. Die internationale Wirtschaftsordnung ist nicht designt, zur Durchsetzung von Machtinteressen zu dienen, sondern viele Staaten in eine relativ flexible, aber dennoch wirtschaftspolitisch sachgerechte Ordnung einzubinden. Mehr dazu auf Seite Sicherheitspolitik.

Referenzen:

Samuelson 1948: Samuelson, Paul A. Economics. An Introductory Analysis.  New York: McGraw Hill, 1948.
Nordrhein-Westfalen Bruttosozialprodukt (2011): http://www.statistik-portal.de/statistik-portal/de_jb27_jahrtab65.asp - Zugegriffen: 25.11.2012.
Indien Bruttosozialprodukt (2011): http://data.worldbank.org/country/india - Zuigegriffen: 25.11.2012.

Meine Inspirationsquellen (eine erste Auswahl):

Bhagwati 1991: Bhagwati, Jagdish. The World Trading System at Risk. New York et al.: Harvester Wheatsheaf, 1991.Balassa 1967: Balassa, Bela. Trade Liberalization among Industrial Countries. New York, Toronto, London, Sydney: McGraw-Hill, 1967.Chang 1994: Chang, Ha-Joon. The Political Economy of Industrial Policy. New York: St. Martin’s Press, 1994.Chenery et al. 1986: Chenery, Hollis, Robinson, Sherman, Syrquin, Moshe. Industrialization and Growth. A Comparative Study. Washington: Oxford University Press (Published for World Bank), 1986.
Hildebrand 2002: Hildebrand, Doris. The Role of Economic Analysis in the EC Competition Rules. The Hague: Kluwer, 2002.
Hovenkamp 1999: Hovenkamp, Herbert. Federal Antitrust Policy. The Law of Competition and Its Practice. St. Paul, Minn.: West Group, 1999.
Krueger 1997: Krueger, Anne O. Trade Policy and Economic Development: How We Learn. In: The American Economic Review, Vol. 87, No. 1, March 1997.
Lall 1987: Lall, Sanjaya. Learning to Industrialize. The Acquisition of Technological Capability by India. London: Macmillan, 1987.
Lall 1990: Lall, Sanjaya. Building Industrial Competitiveness in Developing Countries. Paris: OECD, 1990.
Lall 1995: Lall, Sanjaya. Malaysia: Industrial Success and the Role of Government. In: Journal of International Development, Vol. 7, No. 5, 1995. S. 759-773.
Lall 2000: Lall, Sanjaya. The Technological Structure and Performance of Developing Country Manufactured Exports, 1985-98. In: Oxford Development Studies, Vol. 28, No. 3, 2000.
Lall/Wignaraja 1996: Lall, Sanjaya, Wignaraja, Ganeshan. Skills and Capabilities in Ghana’s Competitiveness. In: Lall, Sanjaya. Learning from the Asian Tigers. London: Macmillan, 1996.
Lall 2005: Lall, Sanjaya. Rethinking Industrial Strategy: The Role of the State in the Face of Globalization. In: Gallagher, Kevin P. Putting Development First. London, New York: Zed Books, 2005.
Nelson/Winter 1982: Nelson, Richard R., Winter, Sidney G. An Evolutionary Theory of Economic Change. Cambdrige, Mass.: The Belknap Press of Harvard University Press, 1982.
Rodrik 2007: Rodrik, Dani. One Economics Many Recipes. Globalization, Institutions and Economic Growth. Princeton, Oxford: Princeton University Press, 2007.
Rodrik 2011: Rodrik, Dani. Globalization Paradox: Democracy and the Future of the Global Economy. New York: W. W. Norton, 2011.
Scherer 1980: Scherer, Frederic M. Industrial market structure and economic performance. Second Edition. Chicago: Rand McNally, 1980.
Scherer 1992: Scherer, Frederic M. International High-Technology Competition. Cambridge: Harvard University Press, 1992.
Scherer et al. 1975: Frederic M. Scherer, et al. The Economics of Multi-Plant Operation. Harvard: Harvard University Press, 1975.